Die Orgel der Schleizer Bergkirche

im Spiegel der Presse

OTZ-Interview mit Bernhard Kutter, Orgelbaumeister


Ein Orgelneubau ist eine Ehre und Herausforderung zugleich

OTZ-Interview mit Bernhard Kutter, Orgelbaumeister der neuen Schleizer Bergkirchenorgel  

Schleiz. Die Orgelbau GmbH Waltershausen hat den Neubau der Schleizer Bergkirchenorgel begonnen.
OTZ sprach mit dem verantwortlichen Orgelbaumeister Bernhard Kutter.

Herr Kutter, wie kam es zu Ihrem Engagement hier in Schleiz?

Bernhard Kutter: In wirtschaftlich schweren gibt es kaum noch Orgelneubauten. Vor diesem Hintergrund ist es für den Instrumentenbauer eine Ehre, aber auch eine Herausforderung, wenn seine Erkenntnisse, Erfahrungen und Visionen für den Bau einer neuen Orgel angefragt werden, obendrein, wenn es sich dabei um eine der wohl schönsten Thüringer Kirchen handelt! Die Orgelbau Waltershausen GmbH ist mit zwölf Jahren Bestand ein noch recht junges Unternehmen, das mit wachem Gründerelan in den vergangenen Jahren einen guten Ruf aufbauen konnte, was vermutlich zur Einbeziehung in die Ausschreibung für den Orgelneubau in der Bergkirche geführt hat, wofür ich mich im Namen des Betriebes bei den zuständigen Gremien bedanke.

Wie sind Sie zum Orgelbau gekommen?

Bernhard Kutter: Am Beginn meines langen Weges zum Orgelbauer standen zwei Neigungen - unermüdlicher Basteleifer und die Liebe zur Musik. Meine Mutter war sehr darum bemüht, die mit dem Ableben ihres Onkel in der Familie ausgestorbene Fähigkeit des Orgelspiels wiederzubeleben. Dazu war gar nicht "viel Druck" erforderlich. Der Klang dieses großen Musikinstrumentes faszinierte mich schon als Kind in jedem Gottesdienst, den wir besuchten. Als ich mit 14 Jahren schließlich den ersten Orgelunterricht bekam, war es oftmals nötig, auch in das Innere meiner damals desolaten Heimatorgel zu schauen, wodurch meine Beziehung zum Instrument zu einer ganzheitlichen Dimension reifte. Dennoch überwog zunächst die Liebe zum Orgelspiel, zumal alle Versuche scheiterten, eine Lehrstelle als Orgelbauer zu erhalten. Das geplante Musikstudium wurde mir unter den damaligen politischen Verhältnissen in der DDR verwehrt, so dass ich nach Abitur und Wehrersatzdienst zunächst das Tischlerhandwerk erlernte, um die Basis für ein Restauratorstudium zu gewinnen. Auch dieser Plan schlug fehl, so dass ich mich 1982 um ein Studium der Kirchenmusik und Katechetik am damaligen Thüringer kirchlichen Seminar in Eisenach beworben habe. Nach drei Studienjahren erfuhr ich, dass der Gothaer Orgelbaumeister Gerhard Böhm Mitarbeiter sucht. Ich habe mich sofort beworben und hatte Glück. Das kirchliche Seminar ermöglichte mir die Vorverlegung des Examens, und nach zwei Jahren Ausbildung wurde das Ziel endlich erreicht. Nahezu zehn Lebensjahre hatte ich dafür benötigt. Bis zum Erwerb des Meistertitels sollten aber noch einmal fünf Jahre vergehen...

Was braucht ein Orgelbaumeister unbedingt? Ein absolutes Gehör?

Bernhard Kutter: Absolutes Gehör muss man nicht unbedingt haben, viel wichtiger erscheint mir die Gabe des absoluten Hörens von Klangfarben. Ich meine damit das Erinnerungsvermögen an die Klangwirkung von Orgelregistern oder Instrumenten in verschiedenen Räumen. Nicht zuletzt sind es neben handwerklichem Geschick, räumlichem, technischem und musikalischem Vorstellungsvermögen vor allem Gewissenhaftigkeit, Geduld und Beharrlichkeit. Der Bau einer Pfeifenorgel benötigt mehrere 1 000 Stunden Arbeitszeit. Bis zum Schluss ringt der Orgelbauer darum, sein inneres Idealbild der zu bauenden Orgel in der vorhandenen Realität von Bausubstanz und Kirchenakustik zu verwirklichen.

Was reizt Sie an der Aufgabe in Schleiz?

Bernhard Kutter: Der Bau findet in einem wunderschönen Ambiente statt - der prächtige Kirchenraum, die kostbare Prospektfront mit den bemalten Flügeltüren, das Eintauchen in eine besondere Klangwelt. Die klangliche Gestaltung dieser Orgel ist für mich eine Reminiszenz an meinen klangstilistischen Werdegang, nach Klangeindrücken der barocken Orgelwerke Silbermanns und Wagners haben es mir die Orgelbauten des 19. und 20. Jahrhunderts mit ihren romantischen und späten impressionistischen Klangfarben angetan. Mit dem Bau der Schleizer Orgel kehre ich sozusagen zurück zu meinen Wurzeln.

Was empfinden Sie, wenn sie eine alte Orgel abbauen, oder gar wie in Schleiz zersägen müssen?

Bernhard Kutter: Die Orgel zählt zu den wenigen Musikinstrumenten, die für ihre Bestimmung eine besondere Weihehandlung erfahren. Auch dem Vorgängerinstrument wurde diese Ehre zuteil. Die alte Orgel wurde von ihren Erbauern in bester Absicht erstellt. Sie hat Generationen von Menschen auf ihrem Lebensweg begleitet. Ich habe Achtung vor diesem Instrument und seinen Erbauern. Die verbrauchte Orgel dokumentiert aber auch die Vergänglichkeit unseres Daseins. Es ist der ewige Kreislauf vom Werden und Vergehen. Wir Menschen sträuben uns gegen dieses Naturgesetz in vielen Lebensbereichen. Auch die neue Orgel wird eines - hoffentlich fernen - Tages einem anderen Instrument weichen müssen. Ich denke, das ist gut so. Auch spätere Generationen müssen die Gelegenheit haben ihre Visionen zu verwirklichen.

Welche Vorstellungen haben Sie in technischer Hinsicht?

Bernhard Kutter: Die technische Ausführung der Orgel ist durch den Auftraggeber prinzipiell festgelegt worden. Sie knüpft damit an barocke Traditionen an, denen auch das Klangbild der Orgel folgen wird. Im Sinne einer überzeugenden Gesamterscheinung ist uns die Harmonie zwischen klanglichem und technischen Erscheinungsbild ein besonderes Anliegen.

Wie soll die Klangwelt - in Verbindung mit Raum, Prospekt und Organist - der neuen Orgel beschaffen sein?

Bernhard Kutter: Die erhaltene Prospektfront stammt aus der Zeit der Renaissance, ist also deutlich älter, als das gewünschte klangliche Erscheinungsbild der neuen Orgel. An dieser Stelle hat sich die Kirchgemeinde zu einem Kompromiss entschlossen, um der Orgel eine größere stilistische Bandbreite zu verleihen.

Das Klangstruktur der neuen Orgel wird transparent und farbig sein, ihre Tonsprache prägnanter und akzentuierter als die der Poppe-Orgel, deren Stärken im Sinne der Orgelromantik in der Darstellung homophoner Klangflächen lagen. Die neue Orgel wird insbesondere die Interpretationsmöglichkeiten für polyphoner Orgelwerke stark verbessern.

Gibt es in Schleiz irgendein Novum oder eine Einmaligkeit?

Bernhard Kutter: Jede Orgel ist ein Novum und bereits einmalig durch ihre Neuschöpfung. Sie kann nicht reifen wie ein Serieninstrument. Sie muss im ersten Anlauf gelingen! Die Verwendung neuer technischer Systeme stellt ein zusätzliches Risiko dar. Das ist an der Geschichte der alten Orgel deutlich sichtbar geworden. Orgelbauer sind deshalb stets sehr vorsichtig mit der Einführung von Neuerungen und internen Systemveränderungen.

Wann wird die neue Orgel erstmals erklingen?

Bernhard Kutter: Diese Frage kann ich heute leider noch nicht beantworten. Die Kirchgemeinde Schleiz hat mit der Initiierung eines Orgelneubaues viel Mut bewiesen, sich aber mit berechtigter Vorsicht für einen Weg mit mehreren Etappen entschieden. Dank des Engagements und der Gebefreudigkeit vieler Bürger wird sich der Wunsch nach der neuen Orgel eventuell schneller erfüllen können als vermutet. Etwas Geduld wird dennoch erforderlich sein. Ich gehe gegenwärtig davon aus, dass wir die Orgel mit Gottes Hilfe bis spätestens Mitte 2007 fertigstellen werden. Nach dem technischen Aufbau wird jede der ca. 1350 Pfeifen schon vielmals im Kirchenraum ertönen. Tonstärke, Klangfarbe und Tonhöhe jeder Pfeife wird optimal auf den Raum abgestimmt. Diesen Vorgang bezeichnen wir Orgelbauer als Intonation. Die Kirche wird in dieser Zeit verschlossen sein, um alle Störungen bei dieser hochsensiblen Arbeit zu minimieren. Die Besucher des Friedhofs werden an dem Ereignis dennoch teilhaben. Etwas Glück vorausgesetzt, hören sie durch Mauern und Fenster vielleicht schon das eine oder andere Orgelstück, wenn die Orgelbauer "ihre" Orgel probieren.

Am Tage der Einweihung wird die Orgel dann erstmals offiziell erklingen. "Soli Deo Gloria! Allein Gott zur Ehre", wie es Johann Sebastian Bach über alle seine Werke geschrieben hat.

Interview: Dr. M. Eckstein,  OTZ 24.12.2004

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aktualisiert: 2. August 2007